Wenn sie nur endlich in der Klinik wäre
Ich habe mich damals, nachdem unsere Tochter die Diagnose Anorexia nervosa (Magersucht) erhielt schnell nach geeigneten Kliniken umgesehen. Ich dachte, dass eine Fachklinik für Essstörungen die erste Anlaufstelle sei, damit sie gesund werden kann. Als Kinderkrankenschwester, die damals in der Schulmedizin noch fest verwurzelt war, kam für mich ein anderes Vorgehen nicht in Frage. Mit einer somatischen Erkrankung wird man ja auch schnell in einer Klinik aufgenommen, um nach der Behandlung gesund entlassen zu werden. Nachdem ich erfahren hatte, dass in einer nahegelegene Kinderklinik auch eine Fachabteilung für Essstörungen war, wollte ich sie dort anmelden damit sie schnell stationär aufgenommen werden konnte. Nachdem ich ihr von meinem Vorhaben berichtete, bekam ich zur Antwort. „Ich gehe in keine Klinik!“ Thema beendet.
„Ich gehe in keine Klinik!
Ich hatte meine Tochter noch nie so bestimmt und entschlossen erlebt. Mich selbst versetzte diese Reaktion in eine große Hilflosigkeit. Ich dachte durch einen Klinikaufenthalt würde sie alles das bekommen, was es braucht, um schnell wieder gesund zu werden. Die richtige Umgebung, Therapeuten und Ärzte, die sich auskennen und genau wissen, wie man mit betroffenen Jugendlichen umgeht, die nicht mehr essen wollen. Außerdem werden sie über geeignete Methoden verfügen mein Kind zum Essen zu bringen. Ich dachte damals noch, dass es darum ging, dass sie wieder freiwillig isst. Den Rest ließe sich mit einer geeigneten psychologischen Unterstützung schon regeln. Im Laufe der Zeit durfte ich lernen, dass all das, was ich mir über Magersucht zusammengereimt habe, komplett falsch war und nicht annähernd der Wahrheit entsprach. Tatsächlich hat unsere Tochter sich nach 3 Jahren endlich für einen Klinikaufenthalt entschieden. Den sie mit ihrem 18. Geburtstag vorzeitig beendete.
Aus heutiger Sicht betrachtet
Wenn ich heute auf meine Situation von damals schaue, sehe ich eine Mutter, die so geschockt und hilflos war, dass sie aus purer Angst ihre Tochter lieber in eine Klinik geschickt hätte, als sich selbst liebevoll um sie zu kümmern. Das Gefühl der Ohnmacht war so groß und präsent, dass es mir die Luft zum Atmen nahm. Alles, was ich für sie tat verpuffte in der Luft. Ich war so sehr auf sie fokussiert, dass es nichts Weiteres gab, was so wichtig erschien, wie sie und ihre Heilung. Ich hatte nur noch meine Arbeit, die mich zunehmend forderte und unsere Tochter mit allen Symptomen der Magersucht. Ein Klinikaufenthalt hätte mir die Möglichkeit gegeben Abstand zu haben und durchatmen zu können. Ich hätte die Verantwortung abgeben können. Verantwortung, die ich damals nicht tragen konnte. Ich hätte aber auch ihre Traurigkeit und negative Energie nicht mehr aushalten müssen. So dachte ich damals. Nach drei Jahren im Drama entschied sie sich dann doch für einen Klinikaufenthalt, der für sie im Nachhinein extrem traumatisch war. Sie litt dort wie ein verwundetes Tier und ich konnte es nicht sehen. Ich dachte, dass es zum Heilungsweg dazugehört. Sie entließ sich am Tag ihres 18. Geburtstages. Weit entfernt von Heilung. Weitere drei Jahre später befand ich mich auf meinem absoluten Tiefpunkt. Ich war körperlich und emotional am Ende. Meine aller letzte Möglichkeit nach erfolglosen Krankschreibungen und Psychotherapien war die Begleitung durch einen Coach, der tief und effektiv mit mir arbeitete. Durch ihn erkannte ich, dass all meine Bemühungen und Hoffnungen, dass unsere Tochter gesund werden würde, nie hätten fruchten können, solange ich weiterhin meine ungelösten Themen und Konditionierungen mit mir herumtrug. Dass ich sogar dazu beitrug, dass sie ihre Magersucht aufrecht hielt. Dass sie mein Spiegel war und meine Themen zu ihren wurden. Die Erkenntnis dessen motivierte mich so sehr, dass ich mir mutig all das anschaute, was ich wie einen Rucksack mit mir trug und mich und mein Kind beschwerte. Ich durfte einiges loslassen, von dem ich bis dahin gar nicht wusste, dass es in mir war. Meine Heilung zeigte schnell Wirkung bei ihr. Sie trat ihren Heilungsweg an.
Meine Sicht als Coach
Mich kontaktieren immer wieder Mütter, die verzweifelt sind, weil ihr Kind nach einem Klinikaufenthalt nicht gesund ist. Viele berichten von mehreren Klinikaufenthalten. Nach jeder Entlassung fällt das Kind in alte Muster zurück und der schmerzvolle Weg beginnt von vorne. Das liegt daran, dass sich das Umfeld bzw. die Mutter nicht weiterentwickelt hat. Sie bleibt die Frau mit all den Themen und Konditionierungen, die die Magersucht ihres Kindes aufrechterhält. Sobald das Kind aus der Klinik kommt, wird es direkt damit konfrontiert und fällt in alte Muster zurück. Trotz monatelangen Aufenthaltes. Ich arbeite mit vielen Frauen, deren Kinder sich zum wiederholten Mal in einer Klinik befinden. Doch erst wenn sie ihre Konditionierungen und Themen loslassen, ist es ihnen möglich ihr Kind loszulassen. Erst wenn sie sich befreien, kann Frieden gefühlt werden. Erst wenn sie sich vertrauen, kann ihr Kind sich vertrauen. Heilung geschieht immer von innen nach außen. Nie durch Druck und Zwang. Nur durch Liebe und Vertrauen. Ja, ein Klinikaufenthalt kann der Familie Luft zum Durchatmen geben. Ja, er kann zur Heilung beitragen. Doch nachhaltige Heilung geschieht nur, wenn die Wurzel der Magersucht gekappt wird, damit sich all das, was sie nährt, auflöst.
Möglicherweise erkennst Du Dich auch gerade in meinem Beitrag wieder.
Wofür entscheidest Du Dich? Für Heilung oder weiterhin Drama, Angst und Sorgen?
Von Herzen Danke, dass Du diesen Artikel gelesen hast. Vielleicht hast Du Fragen, die Dich selbst betreffen oder meine Arbeit. Du kannst mich über das Kontaktformular oder die Kommentarfunktion anschreiben oder meine Kanäle auf Social Media nutzen. Ich freue mich über jede Nachricht.
Herzlichst
Michaela


Kommentare
Ich freue mich auf eure Kommentare, eigene Erfahrungen und eventuelle Fragen!
Kommentar von Nina
Genau so!!
Du warst der so wichtige, allererste Dominostein, der dem weiteren Weg angestoßen hat…bin dir so sehr dankbar dafür❤️
Antwort von Michaela Pukrop
Es war mir eine Ehre.
Von Herzen Danke für Deinen Mut und Dein Vertrauen
Kommentar von Sandra
Liebe Michaela
Herzensdank für Deine Offenheit. Du bringst es immer wieder auf den Punkt. Mir erging es genauso.
Herzlichen Dank für Dein Wirken
Antwort von Michaela Pukrop
Von Herzen Danke für Deine Worte. Ich hoffe,dass Du für Dich den richtigen Weg gefunden hast. 💕
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