Wenn Mütter in die Abhängigkeit der Magersucht ihrer Tochter verfallen
Mir ist gerade sehr bewusst, dass ich mit diesem Thema vielen Müttern mit einer an Magersucht erkrankten Tochter zu nahetrete. Wir Mütter glauben, dass unser Verhalten unserem Kind gegenüber immer aus der besten Absicht geschieht. Wir geben immer und zu jeder Zeit 100% von dem, was uns als Ressourcen zur Verfügung steht. Und genau deshalb schlittern die meisten betroffenen Mütter, genau wie ich damals, unbemerkt in die sogenannte Co- Abhängigkeit oder Mitabhängigkeit. Rückblickend betrachtet bin ich sehr schnell in diese Rolle gerutscht und konnte ihr viele, viele Jahre nicht entfliehen. Warum auch? Ich dachte, dass mein Verhalten zur Heilung der Magersucht unserer Tochter beiträgt.
Bedeutung der Co-Abhängigkeit in der Magersucht
Grundsätzlich bedeutet Co-Abhängigkeit, dass eine Person (hier die Mutter) stark über das Wohl und die Probleme einer anderen Person (hier die Tochter) lebt. Sie fühlt sich für ihre Gesundheit, Stimmung und ihr Verhalten verantwortlich. Sie versucht oft zu helfen oder zu kontrollieren, auch wenn das am Ende beiden schadet. Dieses Verhalten passiert meist unbewusst und entsteht aus LIEBE, SORGE und HILFLOSIGKEIT.
Konkret bedeutet es, wenn die Tochter an Magersucht leidet, reagiert die Mutter häufig mit starker Angst um das Leben und die Gesundheit ihrer Tochter. Es entsteht der Wunsch oder Drang alles zu kontrollieren. Das Essen, das Gewicht, Arzttermine und Klinikaufenthalte. Automatisch entstehen Schuldgefühle, weil Mütter sich oft als Versagerin innerhalb ihrer Mutterrolle wahrnehmen. Sie wollen ihr Kind nicht stressen oder unter Druck setzen. Also vermeiden sie Konflikte und passen sich der Situation an. Viele Frauen lassen sich aus diesem Grund zu den verrücktesten Verhaltensweisen hinreißen. Und auch davon kann ich ein Lied singen. Während die eine nur noch beim Essen mit ihrem Kind unter dem Tisch sitzt, tut die andere es ihrem Kind gleich und verzichtet ebenfalls auf jegliche Nahrungsaufnahme. Ich selbst bin u.a. nachts bei Unwetter zu Mc Donald gefahren, um einen Karamell Shake mit Sahne und Schokostückchen zu holen. Weil sie kurz zuvor erwähnt hat, dass er ihr so gut schmecken würde. Emotionale Entgleisungen, Beschimpfungen oder Handgreiflichkeiten der Tochter werden aus Konfliktvermeidung toleriert und hingenommen. Ja, ich habe sogar schon mit Frauen gearbeitet, die Angst vor ihrer Tochter hatten.
Der emotionale Kreislauf
Diese Dynamiken führen in einen emotionalen Kreislauf.
1. Die Tochter kontrolliert ihr Essverhalten, um SELBSTBESTIMMUNG zu spüren.
2. Die Mutter reagiert mit KONTROLLE oder ANGST, was dazu führt, dass die Tochter sich noch weniger frei und eher unter Druck fühlt.
3. Die Magersucht wird so unbewusst STABILISIERT bzw. GENÄHRT, weil sie zum Mittel der Abgrenzung oder der Kommunikation wird.
4. Mutter und Tochter leiden, aber sie sind beide durch die Krankheit innerlich aneinander „gebunden“.
Viele Mütter berichten, dass sie in der Zeit der Magersucht ein besonders enges Verhältnis zu ihrer Tochter haben. Sie empfinden es als positiv, weil der enge Austausch ihnen das Gefühl vermittelt „etwas“ tun zu können. Das Gefühl „gebraucht“ zu werden, lässt den Schmerz der Ohnmacht in den Hintergrund treten. Doch daraus entwickeln sich sehr schnell typische Muster der Co-Abhängigkeit. Mütter übernehmen zu viel Verantwortung. Es entwickelt sich eine ÜBERFÜRSORGLICHKEIT, die die Eigenständigkeit bzw. Selbstverantwortung der Tochter schwächt und damit die Magersucht nährt bzw. aufrechterhält. Meist verschlechtert sich der Zustand der Tochter weiterhin, was zu großer ANGST und SCHULDGEFÜHLEN bei der Mutter führt. Gleichzeitig verdrängt sie ihre eigenen Bedürfnisse und stellt ihr eigenes Leben zurück. Es kommt zur KONFLIKTVERMEIDUNG. Aus Angst etwas „falsch“ zu machen, wird vieles unausgesprochen gelassen. Mutter und Tochter wissen nicht mehr klar, wo die Grenzen der anderen liegen. Es kommt zur EMOTIONALEN VERSTRICKUNG. Diese Muster laufen täglich völlig unbewusst ab. Während die Mutter sich immer tiefer in di Co-Abhängigkeit hineinmanövriert, reagiert die Tochter immer deutlicher, indem sich die Symptome der Magersucht verstärken oder gar chronifizieren.
Warum das Erkennen so wichtig ist
Co-Abhängigkeit heißt nicht, dass wir Mütter „schuld“ sind. Es bedeutet nur, dass beide, also Mutter und Kind, in einem Muster gefangen sind, das Nähe und Kontrolle verwechselt. Das zu verstehen ist ein erster und wichtiger Schritt, um heilende Distanz und gesunde Grenzen aufzubauen. Aus meiner eigenen Erfahrung als ehemals betroffene Mutter und auch durch meine Arbeit mit vielen betroffenen Müttern wage ich zu behaupten, dass es unmöglich ist diesen Kreislauf der emotionalen Verstrickung zu verlassen. Deshalb halte ich es für essenziell und wichtig, dass Mütter sich fachliche Unterstützung suchen, um an sich zu arbeiten. Es geht dabei nicht darum Schuld zu verteilen, sondern um die Beziehung zu entlasten. Denn eine gesunde, stabile, nicht über eng verbundene Mutter-Tochter-Beziehung wird die Heilung der Tochter stark unterstützen. Es geht darum über die Heilung der Mutter, dem Kind die Möglichkeit zu geben die Magersucht hinter sich zu lassen.
Von Herzen Danke, dass Du diesen Artikel gelesen hast. Vielleicht hast Du Fragen, die Dich selbst betreffen oder meine Arbeit. Du kannst mich über das Kontaktformular oder die Kommentarfunktion anschreiben oder meine Kanäle auf Social Media nutzen. Ich freue mich über jede Nachricht.
Herzlichst
Michaela


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