Ich schäme mich für meine Gefühle

Mütter mit einer an Magersucht erkrankten Tochter befinden sich in einer Ausnahmesituation. Sozusagen in einem Überlebensmodus. Sie fühlen sich emotional und körperlich am Ende. Die Situation mit ihrer erkrankten Tochter lässt sie nicht mehr zur Ruhe kommen. Durch Sorgen und Ängste ist ihr Nervensystem maximal überreizt. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich unaufhörlich auf ihre Tochter. Ihre Sinne haben sich im Laufe der Zeit verfeinert. Sie nehmen jede kleinste Regung, jede winzig kleine Veränderung und jede Gewichtsschwankung in einem Sekundenbruchteil wahr. Sie sind immer auf der Hut und haben ständig Angst, dass sie etwas übersehen könnten. Sie lassen ihr Kind nicht aus den Augen. Wie damals, als sie noch ein Kleinkind war und die Welt auf eigene Faust erkunden wollte.

Ich bin doch für sie verantwortlich

Damals als Deine Tochter noch im Kleinkindalter war konntest Du sie nicht unbeobachtet lassen. Du hattest Angst, dass sie sich verletzen könnte oder etwas anderes Schlimmes passieren würde. Es hat Dir nichts ausgemacht, weil Du wusstest, dass sie lernen würde und Fortschritte machen wird.  Es war eine normale Entwicklung und es war auch ganz normal, dass Du Dich verantwortlich gefühlt hast. Je älter sie wurde, umso selbstständiger wurde sie und Du konntest immer mehr Verantwortung an sie abgeben. Doch mit dem Tag, an dem die Magersucht in Eurer Leben kam, kam auch das Gefühl der Verantwortung zu Dir zurück. Ich bin mir sehr sicher, dass Du mir zustimmst. Du hast Dich von der ersten Sekunde an wieder in die Lage von damals versetzt und die alten, gewohnten Gefühle wahrgenommen. Sie lösten Deinen Beschützerinstinkt aus, sie zwangen Dich dazu für sie zu handeln, sie zu beobachten und in eine bestimmte Richtung zu drängen. Nämlich an Gewicht zuzunehmen. Doch eines ist nun anders. Heute hast Du nicht mehr die Gewissheit, dass sie durch Dich lernen und selbstständig werden wird. Heute landen deine Worte nicht mehr auf fruchtbaren Boden. Heute lässt sie Deine Worte unbeachtet an sich abprallen. All Dein Bemühen zeigt keine Wirkung.

Ich fühle mich nur noch hilflos

Weil wir Mütter ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein haben, ist es uns nicht möglich dem bösen Spiel der Magersucht zuzusehen. Wir werden immer sensibler, steigern uns immer mehr in unsere Hilflosigkeit hinein und dennoch werden wir es nicht müde sie zu beobachten und uns „zu kümmern“. Das versetzt unser Nervensystem in einen Zustand von hoher Überreizung. Dadurch entstehen Gefühle, deren sich die meisten Mütter sehr schämen. Sie sind überfordert, müde und angsterfüllt. Sie geraten in einen extremen Erschöpfungszustand. Gleichzeitig können sie nicht entspannen. Ihr Gedanken – Gefühlskarussel ist nicht mehr zu stoppen.

Gedanken betroffener Mütter

Mir geht es gar nicht gut. Ich habe das Gefühl gerade neben mir zu stehen und nicht zu wissen, wer ich eigentlich bin. Ich verhalte mich oft unfair, teilweise wie ein A*loch. Ich fühle  mich oft so hilflos und unsicher. Ich habe Angst um mein Kind. Ich habe Angst als Mutter versagt zu haben.

Wir waren eine so schöne Familie. Wir Eltern mit zwei Kindern, einem Hund und unserem Häuschen. Wir hatten alles, was wir uns erträumt haben. Nun ist nur noch Chaos. Alles dreht sich um sie. Immer nur sie.  Ich bin so verzweifelt. Ich habe das Gefühl, dass ich alles falsch mache.

Ich kann nicht mehr. Ich bin emotional und körperlich am Ende. Ich will das nicht mehr. Es ist alles nur dunkel in mir. Ich will sie nicht mehr zuhause haben. Ich will dieses Leben nicht mehr. Ich will überhaupt nicht mehr leben.

Alles ist schwarz in mir und um mich herum. Mir geht es schlecht. Alles ist dunkel.  In mir und um mich herum. Ich sehe nur noch die negativen Aspekte. Mir geht es so schlecht, ich dachte schon ich muss mich stationär aufnehmen lassen.

Seitdem sie in der Klinik ist, geht es mir besser. Sie will nicht dort sein, doch uns geht es besser. Hoffentlich behalten sie sie noch länger dort. Ich will sie Weihnachten nicht zuhause haben.

Ich kann nicht mehr. Ich halte den Druck nicht aus. Sie hört nicht auf mich. Wirft mich aus ihrem Zimmer. Schreit einfach drauflos, wenn ich nicht gehe. Sie hält sich die Ohren zu und schreit. Ich habe Angst vor meiner Tochter.

Sie soll aus der Klinik entlassen werden und ich habe Angst und Panikattacken. Ich kann nicht mit ihr telefonieren. Sie fühlt sich einsam in der Klinik und ich will sie nicht zuhause haben. Was bin ich für eine Mutter?

Ich will nicht mehr so weiterleben. Ich fühle mich unendlich traurig und leer. Mein Herz weint innerlich aber es kommen keine Tränen mehr. Die Krankheit und A. haben mich total in der Hand. Ich lasse mich erpressen und fühle mich so schlecht, weil ich immer denke, dass ich etwas falsch gemacht habe. Ich habe Angst vor A. , vor ihren Reaktionen. Sie hat unsere Familie in der Hand.

Mein Kind will nicht zu uns nach Hause. Ich will sie nicht hier haben. Jetzt ist sie in Obhut genommen worden. Was ist bloß aus uns geworden?

Ich bin wütend und enttäuscht, weil mein Leben nicht so läuft, wie ich es mir ausgemalt habe. Ich kann nicht mehr rausgehen, weil ich meine Tochter kontrollieren muss, dass sie nicht spuckt. Ich bin wütend auf beide Kinder. Ich will sie zu meiner Mutter geben. Ich kann nicht mehr.

 

All, diese Frauen sind liebende Mütter. Sie alle sind durch ihre eigene Hilflosigkeit zu diesen Gedanken fähig. Sie alle schämen sich dafür und denken, dass sie die Einzige sind, die solch schlimme Gedanken hat. Sie haben sich vorher noch niemandem anvertrauen können…..aus Scham. Ich kann jede einzelne von ihnen sehr gut verstehen. Jede hat ihre eigene persönliche Geschichte mit ihren eigenen Herausforderungen. Sie sind alle sehr gut ausgebildet und üben einen verantwortungsvollen Beruf aus. Jede ist einzigartig und besonders, doch eines haben alle gemeinsam. Jede hat eine Tochter, die an Anorexia nervosa erkrankt ist, die alles in ihrem Leben in Frage stellt.

Von Herzen Danke, dass Du diesen Artikel gelesen hast. Vielleicht hast Du Fragen, die Dich selbst betreffen oder meine Arbeit. Du kannst mich über das Kontaktformular oder die Kommentarfunktion anschreiben oder meine Kanäle auf Social Media nutzen. Ich freue mich über jede Nachricht.
Herzlichst
Michaela

 

 

 

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