Ich lasse das Bedürfnis los, für alle stark sein zu müssen

Ich habe schon als Kind von meiner Mutter gelernt, dass ich immer stark sein muss. Ich habe sie nie weinen gesehen. Sie hat mich nie innig in ihre Arme genommen, um mich zu trösten. Wir haben selten so dicht beieinandergesessen, dass wir uns über längere Zeit berührt hätten. Meine Mama war immer beschäftigt. Sie hat sich fast nie Ruhe gegönnt. Dadurch hatte ich selten die Gelegenheit mich ihr anzuvertrauen, wenn mir etwas auf der Seele lag. Es gab irgendwie nie den richtigen Moment.

„Hör auf zu weinen!“

Ich kann mich heute noch so gut daran erinnern, dass ich schon als Kleinkind viel geweint habe. Ich habe mich nie getraut woanders zu schlafen als zu Hause, bis ich volljährig war. Als ich noch sehr klein war, habe ich so lange geschrien, bis sie mich wieder mit nach Hause genommen haben. Später als Schulkind hatte ich schon Wochen bevor wir in ein Schullandheim gefahren sind Bauchschmerzen deswegen. Und einige Tage vor der Abreise konnte ich nicht mehr schlafen und musste ständig weinen. Noch heute fühle ich mit mir, wenn ich an diese Zeit zurückdenke. Anstatt für mich Verständnis aufzubringen, musste ich immer wieder dieselben Sätze hören. „Hör doch auf zu weinen.“ „Ach, komm ist doch gut.“ „Ach geht`s schon wieder los? Das muss doch mal langsam aufhören.“ „Guck mal, die anderen lachen schon.“  Für mich war in diesen Situationen garnichts gut und trotzdem habe ich versucht mich zusammenzureißen. Ich habe meine Tränen heruntergeschluckt und mich zurückgezogen. Und was blieb, war ein immenser Druck in meiner Brust.

Ich war 50 Jahre stark

Ich habe nie gelernt meine wahren Gefühle zu zeigen. Ich habe gelernt sie zu unterdrücken. Genau wie meine Mama, die immer stark war. Für mich. Um mich zu schützen und um sich zu schützen. Sie hat es nicht gelernt mit Emotionen umzugehen. Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Sie durfte doch ihre Haltung nicht verlieren. Das hat sie so von ihrer Mutter gelernt. Als Nachkriegskind mit 4 Geschwistern ist sie in einer Zeit aufgewachsen, in der es ums Überleben ging. Es mussten alle funktionieren und niemand sollte aus der Reihe tanzen. Meine Oma führte ein strenges Regime. Ich habe sie als Kind „steinhart“ erlebt. Sie hat niemals kindgerecht reagiert. Alles musste eine Ordnung haben. Und sie entschied, was sich „schickt“ und was nicht. Wie sollte meine Mutter in diesem Umfeld lernen, ihre Gefühle zuzulassen und sich verletzlich zu zeigen? Sie hatte doch kein Vorbild, von dem sie lernen konnte. Selbst während ihrer schweren Krankheit war sie stark. Bis zum letzten Atemzug.  Für uns und um sich selbst zu schützen. Bei ihrer Beerdigung habe ich keine Träne vergießen können. Und lange Zeit danach auch nicht. Erst durch meinen eigenen Heilungsweg habe ich gelernt Gefühle zu fühlen. Sie haben mich in meinen Prozessen überwältigt. Ich hatte endlich die Erlaubnis sie zuzulassen und wieder abfließen zu lassen. Es hatten sich in meinen 50 Lebensjahren so viele nicht gefühlte Emotionen angestaut. Mit jedem Prozess fühlte sich mein Herz leichter an und ich erkannte zum ersten Mal, dass diese schwere Last in meiner Brust, von der ich dachte, dass sie jeder in sich trägt, „nicht normal“ war. Es fühlte sich wie eine Befreiung an. Was es tatsächlich auch war.

Meine Tochter hat von mir gelernt stark zu sein

Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, kann ich mir nicht mehr vorstellen, wie ich jeden Tag überstanden habe, mit dem immensen Druck in der Brust und dem Glaubenssatz, dass ich stark sein muss. Unsere Tochter hat von mir die gleichen Glaubenssätze übernommen, wie ich von meiner Mutter. Wir haben damals immer gesagt: „Nur die Harten kommen in den Garten.“ Vielleicht kennst Du das auch. Oder: „Augen zu und durch.“ Unsere Tochter hat es nicht geschafft ihre Emotionen zu unterdrücken. Sie hat den Schmerz nicht aushalten können. Sie wurde krank. Durch die Magersucht hat sie versucht Kontrolle zu gewinnen. Sie hat versucht ihren Schmerz zu kompensieren. Ich habe diesen Mechanismus damals noch nicht verstanden. Ich wusste nicht, dass ich einen Anteil an ihrer Essstörung habe. So habe ich das getan, was ich am besten konnte und gelernt hatte. Ich war stark. Stark für sie und für mich. Ich kämpfte 6 lange Jahre an ihrer Seite gegen die Magersucht. Doch sie wollte einfach nicht gehen. Erst durch mein eigenes Coaching, durch meine eigene Heilung, durch mein Verständnis und mein Fühlen, war es möglich, dass sie sich ihrer Erkrankung stellen konnte und ihren Heilungsweg einschlagen konnte. Ich war und bin weiterhin ihr Vorbild. Nur jetzt anders als früher. Heute bin ich authentisch und befreit. Heute darf ich meine Emotionen fühlen und zeigen. Für mich und für sie. Denn nur so ist Heilung möglich.


Von Herzen Danke, dass Du diesen Artikel gelesen hast. Vielleicht hast Du Fragen, die Dich selbst betreffen oder meine Arbeit. Du kannst mich über das Kontaktformular oder die Kommentarfunktion anschreiben oder meine Kanäle auf Social Media nutzen. Ich freue mich über jede Nachricht.
Herzlichst
Michaela

 

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Kommentare

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Kommentar von Isabel Klemm

Liebe Michaela, danke dir sehr für all deine Beiträge und ganz besonders für diesen sehr persönlichen Einblick in dein Leben. So vieles trifft mich ins Herz. So oft tröstet mich dein Blog und hilft mir in den dunklen Momenten, die Hoffnung nicht zu verlieren. Ganz liebe Grüße zu dir

Antwort von Michaela Pukrop

Vielen herzlichen Dank. Deine Worte berühren mein Herz. Danke, danke, danke

Kommentar von Nina

Liebe Michaela, dein Blog ist so so toll…ich fühle jedes Wort, dass du schreibst. Ich „sehe“ das meiste selbst bei mir/uns, aber es schwarz auf weiß bei dir zu lesen, bewirkt immer nochmal was zusätzlich.
So wichtig und hilfreich <3

Antwort von Michaela Pukrop

Ich danke Dir so sehr für Deine Worte. Das bedeutet mir so viel.

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