Ich hab mich so sehr geschämt

Als unsere Tochter damals die Diagnose „Magersucht“ bekam wäre ich am liebsten im Erdboden versunken. Ich habe so einen immensen Druck in mir gespürt. Es war wie ein nicht enden wollender Schmerz, ganz tief in mir drin. Sie war schon einige Wochen in Behandlung wegen „psychosomatischer Schmerzen“ und sogar stationär in einer Klinik. Schon im ersten Elterngespräch wurde uns die Diagnose „Magersucht“ mitgeteilt. Und damit begann eine sehr lange Leidensgeschichte. Ich, mit Leib und Seele Kinderkrankenschwester, habe bis zu diesem Tag nicht geahnt, dass sie eine Essstörung haben könnte. Umso schwerer traf es mich. Nach dem ersten Schock war ich fest davon überzeugt, dass wir das schnell in den Griff kriegen. Mit mir an ihrer Seite würde es nicht lange dauern, bis sie wieder zunehmen würde. Wie sich sehr schnell herausstellen sollte war es ein riesengroßer Irrtum so naiv zu denken.

Ich fühle mich nur noch hilflos

Weil wir Mütter ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein haben, ist es uns nicht möglich dem bösen Spiel der Magersucht zuzusehen. Wir werden immer sensibler, steigern uns immer mehr in unsere Hilflosigkeit hinein und dennoch werden wir nicht müde sie zu beobachten und uns „zu kümmern“. Das versetzt unser Nervensystem in einen Zustand von hoher Überreizung. Es entstehen Gefühle, derer sich die meisten Mütter sehr schämen. Sie sind überfordert, müde und angsterfüllt. Sie geraten in einen extremen Erschöpfungszustand und gleichzeitig können sie nicht entspannen. Ihr Gedanken – Gefühlskarussel lässt sich nicht mehr stoppen. So ging es mir damals auch. Ich habe mich so sehr geschämt, dass ausgerechnet MIR (!!) so etwas passieren konnte. Mir, der Mutter, die alles im Griff hatte und immer nur das Beste für ihre Kinder wollte. Ich, die immer 150 % gegeben hat und sowieso schon am Limit gelebt hat. Ich, die von sehr vielen Frauen so sehr beneidet wurde, weil ich anscheinend alles mühelos gewuppt bekomme.

Du Liebe, vielleicht fühlst Du in diesem Moment gerade auch so. Vielleicht bist auch Du an einem Punkt, wo Dir Deine Situation aussichtslos erscheint. Vielleicht schämst Du Dich auch so sehr für Deine Gedanken und Gefühle. Vielleicht fühlst Du Dich auch so allein mit all dem Chaos in Dir und um Dich herum. Ich möchte Dir in diesem Beitrag einmal vor Augen führen, dass Du nicht allein bist. Dass es anderen Müttern mit einer an Magersucht erkrankten Tochter genau so geht. Deshalb habe ich hier einige sehr aussagekräftige Sätze von Müttern, die sich bei mir gemeldet haben zusammengetragen, um Dir zu zeigen……..DU BIST NICHT ALLEIN!!!

Gedanken liebender Mütter

„Mir geht es gar nicht gut. Ich habe das Gefühl gerade neben mir zu stehen und nicht zu wissen, wer ich eigentlich bin. Ich verhalte mich oft unfair, teilweise wie ein A*loch. Ich fühle mich oft so hilflos und unsicher. Ich habe Angst um mein Kind. Ich habe Angst als Mutter versagt zu haben.“

„Wir waren eine so schöne Familie. Wir Eltern mit zwei Kindern, einem Hund und unserem Häuschen. Wir hatten alles, was wir uns erträumt haben. Nun ist nur noch Chaos. Alles dreht sich um sie. Immer nur sie. Ich bin so verzweifelt. Ich habe das Gefühl, dass ich alles falsch mache.“

„Ich kann nicht mehr. Ich bin emotional und körperlich am Ende. Ich will das nicht mehr. Es ist alles nur dunkel in mir. Ich will sie nicht mehr zuhause haben. Ich will dieses Leben nicht mehr. Ich will überhaupt nicht mehr.“

„Alles ist schwarz in mir und um mich herum. Mir geht es schlecht. Alles ist dunkel.  In mir und um mich herum. Ich sehe nur noch die negativen Aspekte. Mir geht es so schlecht, ich dachte schon ich muss mich stationär aufnehmen lassen.“

„Seitdem sie in der Klinik ist, geht es mir besser. Sie will nicht dort sein, doch uns geht es besser. Hoffentlich behalten sie sie noch länger dort. Ich will sie Weihnachten nicht zuhause haben.“

„Ich kann nicht mehr. Ich halte den Druck nicht aus. Sie hört nicht auf mich. Wirft mich aus ihrem Zimmer. Schreit einfach drauflos, wenn ich nicht gehe. Sie hält sich die Ohren zu und schreit. Ich habe Angst vor meiner Tochter.“

„Sie soll aus der Klinik entlassen werden und ich habe Angst und Panikattacken. Ich kann nicht mit ihr telefonieren. Sie fühlt sich einsam in der Klinik und ich will sie nicht zuhause haben. Was bin ich für eine Mutter?“

„Ich will nicht mehr so weiterleben. Ich fühle mich unendlich traurig und leer. Mein Herz weint innerlich aber es kommen keine Tränen mehr. Die Krankheit und A. haben mich total in der Hand. Ich lasse mich erpressen und fühle mich so schlecht, weil ich immer denke, dass ich etwas falsch gemacht habe. Ich habe Angst vor A. , vor ihren Reaktionen. Sie hat unsere Familie in der Hand.“

„Mein Kind will nicht zu uns nach Hause. Ich will sie nicht hier haben. Jetzt ist sie in Obhut genommen worden. Was ist bloß aus uns geworden?“

„Ich bin wütend und enttäuscht, weil mein Leben nicht so läuft, wie ich es mir ausgemalt habe. Ich kann nicht mehr rausgehen, weil ich meine Tochter kontrollieren muss, dass sie nicht spuckt. Ich bin wütend auf beide Kinder. Ich will sie zu meiner Mutter geben. Ich kann nicht mehr.“

„All, diese Frauen sind liebende Mütter. Sie alle sind durch ihre eigene Hilflosigkeit zu diesen Gedanken fähig. Sie alle schämen sich dafür und denken, dass sie die Einzige sind, die solch schlimme Gedanken hat. Sie haben sich vorher noch niemandem anvertrauen können…..aus Scham.“

 

Ich kann jede einzelne von ihnen sehr gut verstehen. Jede hat ihre eigene persönliche Geschichte mit ihren eigenen Herausforderungen. Sie sind alle sehr gut ausgebildet und üben einen verantwortungsvollen Beruf aus. Jede ist einzigartig und besonders. Doch eines haben alle gemeinsam. Jede hat eine Tochter, die an Anorexia nervosa erkrankt ist, die alles in ihrem Leben in Frage stellt.

Von Herzen Danke, dass Du diesen Artikel gelesen hast. Vielleicht hast Du Fragen, die Dich selbst betreffen oder meine Arbeit. Du kannst mich über das Kontaktformular oder die Kommentarfunktion anschreiben oder meine Kanäle auf Social Media nutzen. Ich freue mich über jede Nachricht.

 

Herzlichst
Michaela

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