Ich will endlich meine Freiheit zurück!

Mit diesem Ziel haben sich in den letzten Wochen gleich zwei Frauen bei mir gemeldet. Zwei Mütter mit einer an Magersucht erkrankten Tochter, die sich durch die Erkrankung ihrer Tochter so sehr eingeengt und beschnitten fühlten, dass sie diesen kraftvollen Satz auf sehr emotionale Art und Weise aussprachen. Beide Frauen haben ihre eigene ganz individuelle Biographie. Auch die Verläufe und Ausprägungen der Magersucht ihrer Töchter ist sehr verschieden. Ebenso die Weise, wie sie mit der Erkrankung und ihrer Auswirkung auf die Familie, ihr berufliches Leben, ihre Partnerschaft und sich selber umgehen. Ich hatte bisher noch nie mit Frauen gearbeitet, die so klar und vehement ihre Freiheit eingefordert haben. Vielleicht geht es Dir gerade genauso, hast aber das Gefühl, dass es nicht richtig ist. Dass Du Dich nicht so wichtig nehmen darfst. Dass Du Dich hinten an stellen musst. Deshalb habe ich mich entschieden heute darüber zu schreiben.

Was ist Freiheit?

Der Duden beschreibt den Begriff Freiheit als einen Zustand, in dem jemand von bestimmten persönlichen oder gesellschaftlichen, als Zwang oder Last empfundenen Bindungen oder Verpflichtungen frei ist und sich in seinen Entscheidungen o. Ä. nicht (mehr) eingeschränkt fühlt.

„Solange die Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln; sind sie älter geworden, gib ihnen Flügel.“

Als Mütter haben wir die Hauptaufgaben unsere Kinder zu lieben und zu unterstützen. Ohne Liebe und Zuwendung sind Babys nicht überlebensfähig. Eines unserer menschlichen Grundbedürfnisse ist Sicherheit, welches durch Liebe und Zuwendung gestillt wird. Die Basis für die Entstehung eines tiefen Urvertrauens ist die Mutter – Kind Bindung. Anfangs ist die Bindung zwischen Mutter und Kind noch sehr eng. Doch je älter das Kind wird umso leichter sollte sie werden damit das Kind eigene Erfahrungen machen kann. Ich bezeichne diese Verbindung als Mutterband, dass im Laufe der Zeit immer länger und elastischer wird, je älter und selbstständiger das Kind wird. Und damit erlangen wir Mütter immer mehr Freiheit. Es beginnt eine Zeit, in der die „Versorgung“ des Kindes immer mehr abnimmt und Freiräume für andere Dinge entstehen. Normalerweise!

Dann kommt die Magersucht!

Die Magersucht kommt dann in unser Leben, wenn sich Kinder normalerweise von ihren Eltern abnabeln. Der „Abnabelungsprozess“ ist physiologisch und bereitet uns Menschen darauf vor ein eigenständiges und selbst bestimmtes Leben zu führen. Durch die Magersucht wir dieser natürliche Prozess jedoch unterbrochen. Stattdessen fordert die Krankheit mehr Unterstützung und Verantwortung von uns Müttern als wir es uns je vorstellen konnten. Die Krankheit zieht uns in einen emotionalen Strudel. Tag für Tag sehen wir die Gesundheit unserer Tochter und unseren Einfluss darauf schwinden. Das Gefühl der Hilflosigkeit, nicht in der Lage zu sein, die Tochter vor dieser zerstörerischen Krankheit zu schützen nimmt uns GEFANGEN. Es ist als ob unser eigenes Leben allmählich erdrückt wird, während wir versuchen ihres zu retten. Es ist ein schmerzvoller Prozess, bei dem wir das Gefühl haben, unsere eigene Freiheit und AUTONOMIE zu verlieren. Autonomie ist ein weiteres Grundbedürfnis. Die Verbindung zwischen der Magersucht und unserer verlorenen Freiheit besteht darin, dass wir uns ständig in Sorgen und Ängsten um unsere Tochter verstricken. Unser Denken und Handeln wird von ihrer Krankheit bestimmt, was dazu führt, dass wir oft andere Aspekte unseres Lebens vernachlässigen. Wir können uns nicht mehr einfach auf unsere eigenen Bedürfnisse und Wünsche konzentrieren, da unsere Energie und Zeit in erster Linie darauf verwendet werden, der Tochter zu helfen. Selbst wenn sie sich zeitweise in einer Klinik befindet, lassen uns diese Emotionen nicht los. Die Magersucht ist geprägt von wenigen Höhen und vielen Tiefen. Prozesse, die wir Mütter miterleben solange wir uns in der, vielfach von mir beschriebenen, Magersuchtsblase befinden. Wir lassen uns immer wieder unbewusst vereinnahmen und missbrauchen.

Der Schlüssel für den Weg in die Freiheit

Wenn wir weiterhin unsere Tochter unterstützen wollen ist die Basis dafür, dass wir Mütter zuerst an unser Wohlergehen denken. Es ist unsere Pflicht für uns, unseren Körper, unsere Gesundheit und unser mentales Wohl zu sorgen. Wie soll unsere Tochter gesund werden, wenn wir stets über unsere eigenen Grenzen gehen, unsere Gesundheit vernachlässigen und uns emotional am Rande des Zusammenbruchs befinden? Wie soll unser Kind heilen, wenn wir uns weiterhin von den Zwängen und Begrenzungen der Magersucht leiten lassen? Es ist nicht verwunderlich, dass der Ruf nach Freiheit irgendwann so laut wird, weil es schmerzt von der Magersucht gefangen gehalten zu werden. Das Zauberwort für den Weg in die Freiheit ist SELBSTFÜRSORGE. Beginne Deine Bedürfnisse wahrzunehmen, zu fühlen und sie Dir zu erfüllen. Nimm Dir Zeit für Dich. Komme zur Ruhe. Vielleicht hast Du Freude an Yoga oder Meditation. Beschäftige Dich mit Dingen, die Dir Energie geben. Verbringe bewusst Zeit mit Deinem Partner, triff Freunde oder verwöhne Dich mit einem leckeren Essen. Erlaube Dir Zeit für Dich einzuplanen.

Widerstand gegen Selbstfürsorge

Den meisten Müttern fällt es sehr schwer den Fokus von der Tochter auf sich selbst zu lenken. Sich selbst an die erste Stelle zu stellen passt nicht zur Mutterrolle, und schon gar nicht wenn die Tochter an Magersucht erkrankt ist. Uns wurde beigebracht, dass Mütter sich für ihre Kinder aufopfern müssen. Dass es die Aufgabe einer Mutter ist dafür zu sorgen, dass es den Kindern gut geht und dass ihnen nichts geschieht. All das sind Glaubenssätze, die tief in unserem Unterbewusstsein verankert sind. Viele von den betroffenen Müttern haben auch die Erfahrung gemacht, dass sie von Ärzten oder Therapeuten der Tochter für die Magersucht „verantwortlich“ gemacht wurden. Auch hier sind tiefe Wunden bei den Müttern entstanden, die sie dazu veranlassen sich für ihre Tochter aufzuopfern anstatt etwas für sich zu tun. Ich bin der Meinung, dass alle Mütter sich unbedingt Hilfe holen müssen. Es ist so wertvoll jemanden an seiner Seite zu haben, der oder die, die gesamte Situation von außen betrachtet. Manchmal sind es sehr große Themen, die schnell aufgelöst werden können, manchmal nur ein Stellschräubchen, an dem gedreht werden muss um zu einer weitreichenden und heilenden Erkenntnis zu gelangen. Doch immer fühlst Du Dich gesehen und verstanden. Fühlst Dich aufgehoben und getragen……bis die gewünschte Leichtigkeit sich in Dir ausbreitet.


Von Herzen Danke, dass Du diesen Artikel gelesen hast. Vielleicht hast Du Fragen, die Dich selbst betreffen oder meine Arbeit. Du kannst mich über das Kontaktformular oder die Kommentarfunktion anschreiben oder meine Kanäle auf Social Media nutzen. Ich freue mich über jede Nachricht.

Herzlichst
Michaela

 

 

 

 

 

 

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