Die Entlassung aus der Klinik holt alle alten Emotionen zurück und trübt die Freude

In diesem Beitrag erfährst Du, wie es in den meisten Fällen nach einem Klinikaufenthalt zuhause weitergeht. Ich teile hier meine persönlichen und beruflichen Erfahrungen. Ich bin mir sicher, dass Du Dich auch in diesem Beitrag wiederfindest und die eine oder andere Erkenntnis für Dich dabei ist. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern wie meine große Freude über die Entlassung unserer Tochter aus der Klinik immer kleiner wurde und die alten Sorgen und Ängste immer größer wurden, je näher der Termin rückte. Im Laufe der letzten Monate und Jahre hat ja ihr Gesundheitszustand meine Emotionen bestimmt. Es war ein ständiges auf und ab. Doch durch den langen Klinikaufenthalt hat sich ein gewisses Level eingependelt. Zwar im eher unteren Bereich, doch beständig. Beständigkeit steht auch für Sicherheit und ich habe mich in diesem Schwingungsniveau sicher gefühlt und konnte mein Leben wieder „kontrolliert“ leben. Es gab keine täglichen Zwischenfälle mehr, die mich in ein Chaos aus Gedanken, Gefühlen und nicht mir selbst entsprechenden Handlungen zwangen. Selbstverständlich war mein Lebensthema „Kontrolle und Sicherheit“ immer noch präsent, doch auf einem mir gewohnten Level vorhanden. Mein Spiegel (die-magersucht-mein-spiegel), der diese Themen auf ein Höchstmaß verstärkte war ja in der Klinik. Doch nun stand die Entlassung an und mein Unterbewusstsein feuerte meine Themen wieder an. Ich machte mir viele Gedanken wie es sein wird, wenn sie zuhause ist. Wie soll ich mich verhalten? Was darf ich sagen oder was soll ich lieber verschweigen? Was soll ich einkaufen, kochen und welche Essenszeiten werden wir zukünftig haben? Wird sie zum gleichen Therapeuten gehen? Wer wird sie wiegen? Woher soll ich wissen ob sie genug Kalorien zu sich nimmt? Ich war wieder voll im Magersuchtsalltag drin. Meine Gefühle haben wieder die totale Kontrolle übernommen. Ich konnte die Unsicherheit, Ungewissheit und Machtlosigkeit nicht aushalten und hab schon gedanklich das Kontrollszenario durchorganisiert.


Der Tag der Entlassung, (k)ein Grund zur Freude


Während des langen Klinikaufenthaltes gab es für uns Eltern nur zwei Gespräche mit der Therapeutin und an unseren Besuchswochenenden sprachen wir fast gar nicht über den Klinikalltag. Unsere Tochter wollte mit uns Normalität und Spaß haben. Somit waren wir über die Therapie, Fortschritte, Gewicht und Essverhalten gar nicht aufgeklärt. Damit waren die Themen des Entlassungsgespräches für uns totales Neuland. Wir haben einen Familienvertrag unterschrieben, der Verhaltensmaßnahmen bei bestimmten Gewichtsreduktionen regeln sollte. Für die Einhaltung waren wir als Eltern und die betreuende Ärztin verantwortlich. Als die Therapeutin uns dies erläuterte spürte ich einen Anflug von „Beruhigung“ in mir. Aus heutiger Sicht ist mir das völlig klar. Mir wurde ja ganz offiziell und per Unterschrift die Kontrollfunktion übertragen. Doch dieses Gefühl hielt nicht lange an denn danach erfuhren wir, dass unsere Tochter in der Klinik ausreichend über Ernährung geschult wurde und sich eigenverantwortlich um ihr Essen kümmern sollte. Ja, sogar musste. Sie sollte ihre Essenspläne mit Lebensmitteln füllen. Sie hatte ja gelernt welche Lebensmittel welche Nährstoffe enthielten, wieviel sie davon bei jeder Mahlzeit zu sich nehmen sollte und wie viele Mahlzeiten sie wann einnehmen sollte. Sie war ab sofort für sich selbst verantwortlich und ich war raus, Punkt. Das war wie ein Schlag mit dem Hammer. Ich hatte das Gefühl, dass ich nur noch Beobachterin sein sollte. Und das fühlte sich echt unangenehm an. Doch ich wollte ja, dass sie gesund wird und Selbstverantwortung sollte wohl zum Heilungsweg dazugehören. Ich war damals noch im „Mir geschieht“ Modus. Von Selbstverantwortung keine Spur. Stattdessen gelebter Perfektionismus par excellence. Schon unser erster gemeinsamer Lebensmitteleinkauf war ein Abenteuer. Sie durfte selbstverantwortlich ihre Lebensmittel einkaufen und fühlte sich damit offensichtlich extrem überfordert. Sie verglich alle möglichen Produkte und schien nur noch zu zweifeln. Konnte sich nicht entscheiden was und wieviel wir einkaufen sollten. Genau diese Unsicherheit spürte ich auch. Ich weiß heute nicht mehr ob sie zuversichtlich die Klinik verließ und ob sie es sich wirklich zutraute eigenverantwortlich zu handeln.


Ich weiß nur, dass ich zweifelte und total unsicher war ob wir zusammen dieses Projekt stemmen können


Schon nach sehr, sehr kurzer Zeit des ständigen Beobachtens (natürlich immer ganz unauffällig aus den Augenwinkeln) konnte ich meinem Sicherheitsbedürfnis nicht mehr aus dem Weg gehen. Die Ungewissheit über die Essensmengen und das Gewicht machten mich sehr unruhig und die altvertraute Machtlosigkeit kehrten zurück. Ich versuchte mich immer mehr einzumischen und nachzufragen. Mein unterdrückter Drang nach Kontrolle wurde immer größer. Ich hatte die Aufgabe mich zurückzuhalten und mich weiterhin nicht einzumischen. Ich war nicht die Mutter, die eingriff und am Esstisch das Essen überwachte. Ich habe nie bewusst Druck gemacht oder mit Belohnungen „gespielt“. Und ich habe niemals das wirkliche Körpergewicht oder den BMI erfahren. Das sollte mir, übrigens bis heute verborgen bleiben. In der letzten Woche in der Klinik wurde unsere Tochter 18 Jahre alt und spielte damit ihre Volljährigkeit aus. Sie ließ mich nicht mehr wirklich teilhaben und ich diente eher als mentale Stütze. Damit wuchs meine Machtlosigkeit zu einer riesigen Wolke heran und meine körperlichen Beschwerden wurden immer schlimmer und von Heilung war weit und breit keine Spur. Damals hatte ich von den Naturgesetzen, vom Coaching und den Zusammenhängen noch keine Ahnung.


Aus heutiger Sicht sind mir die Wirkungsweisen sonnenklar


Meine Unsicherheiten, meine Ängste und Zweifel übertrugen sich unbewusst auf sie. So konnte sie gar nicht selbstbestimmt essen. Unsere Essenszeiten, die Schule und ein neuer Freundeskreis waren für sie Bewährungsproben. Ein Feld außerhalb von Sicherheit und Kontrolle. Hätte ICH damals die notwendige Sicherheit in mir gehabt, hätte ich sie leicht auf diesem Weg begleiten können. Ich hätte ihr vertrauen können. Ich hätte gewusst, dass sie es schafft und das alles gut werden wird. Ich hätte sie machen lassen und ihre eigenen Erfahrungen machen lassen. Ich hätte gewusst, dass Heilung nur durch eigene Erkenntnisse möglich ist. Und durch die eine eigene Entscheidung überhaupt gesund werden zu WOLLEN. Ich hätte Ruhe bewahren können. Wir alle hätten ein Familienleben voller Leichtigkeit leben können und wir hätten uns viel Schmerz ersparen können.  Doch alles was uns im Leben passiert, passiert nie ohne Grund. Denn all MEINE Erfahrungen und Schmerzen waren notwendig damit ich meinen Weg der Heilung einschlagen konnte. Damit ICH endlich erkennen konnte, dass ich so viele Themen in mir verborgen hielt, die unaufhaltsam in mir arbeiteten und ihre Heilung erschwerten.


Deshalb fallen so viele Mädchen nach einem Klinikaufenthalt wieder in alte Muster


Während sie in der Klinik eine Entwicklung erleben und die ersten Schritte in ihre Heilung gehen, bleibt zuhause meistens alles beim Alten. Das Umfeld hat diese Entwicklung nicht mitgemacht. Die Mütter erleben die Zeit zuhause als Möglichkeit zum Durchatmen. Ruhe einkehren lassen und sich um die anderen Familienmitglieder kümmern steht im Vordergrund. Ich finde das auch aus heutiger Sicht völlig legitim und notwendig. Dennoch birgt es genau die oben beschriebene Gefahr des „Rückfalls“. In der Klinik lernen die betroffenen Mädchen auf sich und ihre Bedürfnisse zu hören, lernen was ihre Trigger sind und wie sie damit umgehen sollen. Achtsamkeit und Entspannung sind ein extrem wichtiger Aspekt der Heilung. Genauso die offene und ehrliche Kommunikation der eigenen Gefühle. Abgrenzung und liebevolle Zuwendung zur Steigerung der eigenen Resilienz. Das sind alles Bereiche, die in der eigenen Familie üblicherweise nicht gelebt wurden oder noch nicht einmal bekannt waren. Ich habe damals alles abgelehnt was mit Ruhe und Entspannung zu tun hatte. Was mir heute auch wieder logisch ist. In der Ruhe kommen die Gedanken und die damit verbundenen Emotionen ans Licht. Und das ist schmerzhaft. Die Rückkehr ins Elternhaus muss sich für die betroffenen Mädchen wie ein Kulturschock anfühlen. Zurück in einem Umfeld indem Kontrolle und Sicherheit im Vordergrund stehen. Vielleicht der Leistungsdruck wieder entfacht wird und ein ganz anderer Tagesablauf herrscht. Bei vielen wird ein baldiger Schulbesuch angestrebt, der wiederum Ängste und Unbehagen aufkommen lässt. Alles neu und doch wieder bekannt. Eine Grundschwingung, die bekannt ist und es ihnen leicht macht sich wieder hineinfallen zu lassen. Die Zeit in der Klinik war anstrengend, ungewiss und unsicher. Eine Zeit des Kampfes und schmerzhafter Erkenntnisse. Eine Zeit des Kontrollverlustes.  Umso wichtiger ist es, wenn die Mutter bereit ist sich wirklich mit der Erkrankung ihrer Tochter auseinanderzusetzen. Zu verstehen was die Magersucht ausdrücken will (der-schmerz-der-magersucht.) und welchen Anteil sie selbst daran hat. Viele Mütter wollen, dass ihre Töchter an sich arbeiten und gesund werden, haben aber nicht den Mut sich ihre eigenen Themen anzuschauen. Ich finde, dass wir Mütter auch in diesem Bereich mutiges Vorbild sein dürfen und auch über unsere eigenen Grenzen gehen dürfen. Zu unserem eigenen Wohl und dem Wohle unserer Töchter.

Von Herzen Danke, dass Du diesen Artikel gelesen hast. Hiermit habe ich die Basis geschaffen für noch viele weitere aufbauende Themen rund um das Thema

„Coaching für Mütter mit einer an Magersucht erkrankten Tochter“

und um mich persönlich. Falls Du Fragen hast, die Dich selbst betreffen oder meine Arbeit kannst Du mich über das Kontaktformular oder die Kommentarfunktion anschreiben oder meine Kanäle auf Social Media nutzen. Ich freue mich über jede Nachricht.

Herzlichst

Michaela

 

 

 

 


 

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