Dein Kind ist kein Problemkind

Die meisten Mütter mit einer an Magersucht erkrankten Tochter empfinden ihr Kind als problematisch. Schon in den ersten Minuten unseres Vorgesprächs höre ich Sätze wie:

„Sie wollte schon immer ihren Willen durchsetzen.“
“Sie konnte sich noch nie unterordnen.“
„Sie war schon immer eine Einzelgängerin.“
„Sie hatte noch nie Freunde.“
„In der Schule gab es schon immer Probleme.“
„Der Umgang mit ihr war schon immer schwierig.“
„Sie war schon immer chaotisch, unordentlich und unkonzentriert.“
Das sind alles Bewertungen, die darauf hinweisen sollen, dass es doch ganz logisch sei, dass ihre Tochter an Magersucht erkrankt ist. Mütter empfinden ihr Kind als auffällig und nicht normal. Doch was ist normal? Kinder, die ihre Mütter nicht stressen? Kinder, die sich in der Familie anpassen und den für sie vorgesehenen Weg gehen? Kinder, die sich in der Schule unterordnen?
Viele Frauen, die zu mir kommen stecken im Überlebensmodus. Obwohl sie sehr erschöpft sind, funktionieren sie. Sie haben sich fast damit abgefunden, dass ihr Kind ein Problemkind ist und sie selbst langsam daran zu Grunde gehen. Sie tragen Schmerz, Leid und Kampf in sich. Sie zweifeln und fühlen sich schuldig. Mit jedem neuen Schmerz fühlen sie sich darin bestätigt, dass ihr Kind schon immer ein Problemkind war. Auch die Therapieerfolge lassen zu wünschen übrig. Und im Stillen kommen ihnen Gedanken, dass es ihnen besser gehen würde, wenn ihre Tochter ein „ganz normales Kind“ wäre. Ein Kind das leicht „zu führen“ ist. Ein Kind, das dankbar und angepasst ist. Ein Kind, dass keine Probleme in der Schule hat, Freunde findet und sich für Sport interessiert. Sie vergleichen ihre Kinder miteinander, bewerten sie und äußern das ganz offen. In den meisten Fällen sehen Mütter die „unangenehmen Situationen“ bereits im Voraus. Sie warten schon auf typische Reaktionen und stellen sich mental darauf ein. Vielleicht kommt Dir all das bekannt vor.

Der wunde Punkt

All diese vorhersehbaren Reaktionen, all die Situationen, all das Anstrengende sind Trigger für Dich. Dass bedeutet, dass genau dieses Verhalten Deine wunden Punkte anspricht und in Dir ganz bestimmte unangenehmen Gefühle hervorruft. Gefühle, die Du bereits seit langer Zeit kennst. Möglicherweise aus Deiner eigenen Kindheit. Vermutlich hast Du bereits Dein Leben lang versucht, diese Gefühle zu vermeiden, weil Du den damit verbundenen Schmerz nicht fühlen willst. Dann kommt ein Kind in Deine Familie, was seit früher Kindheit „problematisch“ zu sein scheint und Deine Vorstellung von einer glücklichen Mutterschaft in Frage stellt. Es gibt immer wieder Anlässe, die Dich daran erinnern. Du versuchst mit „Erziehung“ Dein Kind zu formen. Und zwar so, dass diese wunden Punkte nicht mehr getriggert werden können. Manchmal gelingt es Dir, durch Strafen, Bestechung oder andere Konsequenzen.

Was Du nicht weißt

Du hast Dich sicher schon oft gefragt, warum ausgerechnet Du dieses Schicksal erleiden musst. Ist es Pech oder gibt es in unserer Ahnenlinie bereits diese Eigenschaften, die weitervererbt wurden? Ich bin der Meinung, dass es ein Geschenk für Dich ist.  Deine „Problemtochter“ ist nicht ohne Grund in Deine Familie gekommen. Sie stellt sich als Projektionsfläche zur Verfügung um Deine wunden Punkte zu triggern. Sie nimmt dabei in Kauf nicht von Dir geliebt zu werden und fordert Dich damit auf, diese Botschaft zu entschlüsseln. Die meisten Mütter sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht offen dafür und erkennen diesen Mechanismus nicht. Sie resignieren oder schauen nicht mehr hin. Wenn die Pubertät sich einstellt, ist diese Situation für die Tochter nicht mehr aushaltbar, sodass sie mit Kompensationen reagieren muss. Es kommt zur Magersucht oder Bulimie. Mit der Essstörung werden weiterhin Deine wunden Punkte getriggert. Du bringst sie in die Therapie, doch diese ist erfolglos. Stattdessen reagiert sie mit weiteren kompensierenden Techniken. Es kommt zu exzessivem Sportverhalten, Depressionen, selbstverletzendem Verhalten, Medikamentenmissbrauch oder suizidalen Absichten. Einige stellen das selbstständige Essen ein und müssen per Sonde ernährt werden. Andere essen nur noch, wenn die Mutter ihnen das Essen zubereitet. Die Mädchen bringen sich in einen sehr desolaten Zustand. Sie sind nicht mehr in der Lage in die Schule zu gehen. Bleiben zuhause und verlieren ihre sozialen Kontakte. Aus Hilflosigkeit werden beruhigende Medikamente und Antidepressiva verordnet. Meistens bleibt der Zustand auch unter Medikation unverändert. Über viele Jahre.

Der Wendepunkt

Aus meiner Erfahrung kommt der Wendepunkt dann, wenn die Mutter den Mechanismus hinter der „Symptomatik“ erkannt hat. Wenn sie so sehr belastet ist, dass sie nach anderen Wegen recherchiert. Wenn sie sich andere Fragen stellen kann und damit Räume für andere Antworten bekommt. Wenn sie erkennt, dass ihre Tochter ihr Spiegel ist und sie doch nur ihre eigenen Themen triggert. Und wenn sie bereit ist bei sich selbst hinzuschauen. Die wunden Punkte sichtbar macht damit sie transformiert werden können. Je weiter sie diesen Weg geht, umso leichter wird sie für sich einstehen können. Sie wird sich selbst vertrauen können und ihre eigene Wahrheit sprechen können. Sie wird sich von den Autoritäten lösen und ihre Stimme erheben können. Sie wird vertrauensvoll ihren Weg für sich und ihre Tochter gehen. Sie wird alte Pfade verlassen und den Weg ihres Herzens gehen. Selbstbestimmt und vertrauensvoll. Bis es keine wunden Punkte mehr gibt.

Mission completed

In den meisten Fällen reagieren die Töchter schnell auf die Veränderung der Mütter. Die „wunden Punkte“ werden immer weniger und es kann langsam Ruhe einkehren. Du kannst immer mehr Verantwortung abgeben und ihr vertrauen, dass sie gesund werden wird. Je entspannter und ruhiger Du wirst, umso weniger Druck wird Deine Tochter empfinden. Du wirst sehen, dass die Symptomatik sich langsam zurückbildet, je vertrauensvoller Du Dein Leben lebst. Langsam und schleichend werden sich gesündere Verhaltensweisen bemerkbar machen und Kompensationen schleichen sich ebenso langsam (manchmal auch schnell) aus.


Ich wünsche mir, dass ich Dir mit diesem Beitrag einen anderen Blickwinkel auf die Magersucht eröffnet habe. Ich möchte einen Raum für neue Betrachtungsweisen eröffnen und Dir die Möglichkeit geben über den berühmten Tellerrand hinauszuschauen. Meine eigenen Erfahrungen und die Erfolge meiner Kundinnen bestätigen mir, dass dieser Weg erfolgreich verlaufen kann wenn Du bereit, mutig und entschlossen bist Deine Komfortzone zu verlassen und hinter den Vorhang der Gewohnheit zu schauen.

Von Herzen Danke, dass Du diesen Artikel gelesen hast. Vielleicht hast Du Fragen, die Dich selbst betreffen oder meine Arbeit. Du kannst mich über das Kontaktformular oder die Kommentarfunktion anschreiben oder meine Kanäle auf Social Media nutzen. Ich freue mich über jede Nachricht.


Herzlichst
Michaela

 

 

 

 

 

 

 

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Kommentare

Ich freue mich auf eure Kommentare, eigene Erfahrungen und eventuelle Fragen!

Kommentar von Sandra

Herzensdank für Deine so treffenden liebevoll öffnende Worte. Genau so fühlt es sich. Alles Liebe

Antwort von Michaela Pukrop

Von Herzen sehr gerne.

Kommentar von Petra

Danke für diesen Augenöffner. Ich finde alle deine Beiträge spannend, inspirierend und wegweisend.

Antwort von Michaela Pukrop

Vielen herzlichen Dank. Ich freue mich sehr über Deine Worte.

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